Muss ich meinem Arbeitgeber sagen, dass ich schwul bin?

Das Coming-Out am Arbeitsplatz stellt für viele Homosexuelle ein Problem dar. Soll man sich wirklich outen? Oder doch besser Geheimhaltung waren? Wie werden die Kollegen und der Chef darauf reagieren? Diesen und ähnlichen Fragen geht der folgende Artikel nach.

Bewerbungsgespräch: muss man Homosexualität angeben?

Eigentlich hat im Bewerbungsgespräch die Frage nach der sexuellen Orientierung nichts zu suchen. Wirst Du jedoch, warum auch immer, direkt darauf angesprochen, dann bleibt es Dir überlassen, ob Du lügst oder die Wahrheit sagst. Du hast hier durchaus das Recht, Deine Homosexualität zu verschweigen oder eben auch zu lügen. Allerdings solltest Du Dir vor dem Gespräch im Klaren darüber sein, wie Du auf eine solche Frage reagierst. Der Personalchef wird es natürlich sofort bemerken, wenn Du hier ins Stottern gerätst. Bedenke ebenfalls, dass es unter Umständen gemeinsame Bekannte gibt, die Deinen Chef bereits vor dem Gespräch darüber aufgeklärt haben könnten, dass Du schwul bist, oder dass er sich unter anderem im Internet über Dich erkundigt hat. Hast Du beispielsweise im Web irgendwo angegeben, dass Du homosexuell bist, dann kann es durchaus sein, dass Dein potenzieller Chef bereits genauestens Bescheid weiß. Hier muss es im Übrigen nicht zwangsläufig der Fall sein, dass er negativ zur Homosexualität eingestellt ist, ebenso gut kann es sein, dass er nur herausfinden möchte, ob Du lügst. Dementsprechend gilt es hier, gut abzuwägen, ob Du lügst oder die Wahrheit sagst. Entscheidest Du Dich für letzteres, dann musst Du nicht etwa kleinlaut und flüsternd zugeben „Ja, ich bin schwul“, sondern Du kannst selbstbewusst dazu stehen und beispielsweise in aller Ruhe erklären““Ja, ich bin schwul und bereits seit X Jahren mit meinem Partner zusammen“. Eine einfache Feststellung. Heterosexuelle antworteten schließlich ähnlich, wie etwa „Ja, ich bin verheiratet. Mittlerweile sind meine Frau und ich schon seit X Jahren zusammen“. Nichts besonderes also. Dementsprechend empfiehlt es sich, auch das Schwulsein nicht als etwas Besonderes oder gar Schlimmes hinzustellen.

Geht es den Chef etwas an, dass ich schwul bin?

chef-vom-schwul-sein-erzählenNicht immer jedoch kommt, direkt oder indirekt, die Frage nach der sexuellen Orientierung im Bewerbungsgespräch auf. Zudem kann es natürlich auch sein, dass erst dann bemerkt wird, dass man schwul ist, wenn man schon eine längere Zeit für das Unternehmen gearbeitet hat. Ob neu in der Firma oder langjähriger Mitarbeiter: muss man den Chef darüber informieren, dass man schwul ist? Nein, natürlich nicht, denn hierbei handelt es sich schließlich nicht um eine relevante Information, die für die Ausübung des Jobs wichtig ist. Wer hier Geheimhaltung übt, sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass bei Betriebsfesten, wie etwa Weihnachtsfeiern, der Partner nicht mitgenommen werden kann. Ebenso können allgemeine Fragen, wie „Haben Sie und Ihre Partnerin sich im Urlaub gut erholt?“ unter Umständen schnell zu einer gewissen Sprachlosigkeit führen. Als Ausweg kann aber natürlich immer noch behauptet werden, dass man allein oder mit einem guten Freund vereist gewesen ist. Hier kommt es darauf an, ob Du selbst dazu bereit bist, Deinem Chef von Deiner sexuellen Orientierung zu berichten.

Sollte ich meinen Kollegen von meiner Homosexualität erzählen?

Hier gilt das gleiche wie für den Chef: selbstverständlich kannst Du Dich outen, Du musst es jedoch nicht. Bei einem Coming-out unter den Kollegen musst Du Dir jedoch darüber im Klaren sein, dass diese Information seltenst in diesem Kreise bleibt. Irgendwann wird Dein Chef, entweder per Zufall oder durch eine, vielleicht sogar versehentliche, Bemerkung von selbst darauf kommen, dass Du Homosexuell bist. Besser wäre es jedoch, wenn er diese Information von Dir persönlich erhalten hätte. Dadurch ersparst Du Dir unter Umständen auch etwaiges Getuschel und Falsch-Informationen.

Wie oute ich mich im Job?

Wenn Du Dich für ein Coming-Out im Job entschieden hast, dann ist es sicherlich am besten, wenn Du daraus kein großes Aufheben machst. Du musst beispielsweise nicht extra um einen Termin beim Chef bitten, um ihm von Deiner Homosexualität zu berichten. Lasse diese Information ganz einfach, wie selbstverständlich, in irgendwelche alltäglichen Antworten einfließen, wie etwa „Am Wochenende? Da sind mein Freund und ich im Kino gewesen. Der Film X war toll, es lohnt sich, ihn anzusehen.“ Sollte daraufhin die Frage auftauchen, ob Du schwul bist, antwortest Du einfach „Ja, mittlerweile sind wir sogar schon X Jahre zusammen.“ Auf diese Weise kannst Du natürlich nicht nur Deinem Chef, sondern ebenfalls Deinen Kollegen, „berichten“, dass Du schwul bist, ohne daraus eine große Sache zu machen. Ist es ja schließlich auch nicht.

Ist das Coming-Out am Arbeitsplatz ein Karriere-Killer?

Trotz der relativen Offenheit, die heutzutage im Allgemeinen in Bezug auf Sexualität herrscht, ist es dennoch bei manchen Unternehmen leider durchaus möglich, dass schwule Angestellte nicht gerne gesehen sind. Je nach Einstellung des Umfeldes kann es somit unter Umständen die besser Wahl sein, zu schweigen. Ebenso findet man aber auch Firmen, denen es überhaupt nichts ausmacht, dass ihre Mitarbeiter homosexuell sind. Es ist jedoch auch möglich, dass das jeweilige Unternehmen den betreffenden Angestellten darum bittet, nach außen hin die eigene sexuelle Orientierung nicht zu zeigen. Ob Du darauf eingehen möchtest, bleibt natürlich Dir überlassen. Wenn Du Dir nicht sicher bist, wie Dein Arbeitsumfeld zu dem Thema Homosexualität steht, dann kannst Du auch einmal diskret „vorfühlen“. Sollte beispielsweise ein neuer Schwulen-Club in der Stadt Eröffnung feiern oder irgendwo ein dementsprechender Umzug stattfinden, dann kannst Du das Thema einfach einmal zur Sprache bringen. Auf diese Art und Weise kannst Du unter Umständen sogar recht einfach herausfinden, wie Deine Kollegen und Dein Chef zum Thema Schwule stehen, ohne Dich sofort zu outen. Sobald Du die Einstellung Deines Umfeldes herausgefunden hast, lässt es sich in der Regel wesentlich besser entscheiden, ob Du am Arbeitsplatz von Deiner Homosexualität berichten möchtest oder nicht.

Ein Outing am Arbeitsplatz kann befreiend sein

Zu einem Outing kann Dich niemand zwingen und wenn Du starke negative Konsequenzen, etwa im Hinblick auf Deine Karriere und/oder das Betriebsklima befürchtest, ist es durchaus möglich, dass hier die Geheimhaltung eine bessere Wahl ist. Stößt Du jedoch auf eine positive Einstellung, dann lohnt es sich, über ein Coming-out nachzudenken. In der Regel wirkt es sich sehr befreiend aus, wenn man sich nicht mehr verstecken muss, sondern ganz einfach so sein kann, wie man nun einmal wirklich ist.

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